Das Bernsteinzimmer – 1999

Metallgitter (276,5 x 214 cm)
gegossene Kunstharzplatten (46,8 x 36 cm)

Mit dem „Bernsteinzimmer“ revoziert Aurelia Meinhart Mythos und Kult sowohl des Bernsteins als fossiles Material (brennbarer „Stein“, heilende Wirkung, Bestandteil des Weihrauchs …) wie auch des berühmten Bernsteinzimmers als verschollenes Kunstwerk, das der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. im Jahre 1716 an den russischen Zaren Peter I. im Tausch für 55 russische Gardesoldaten verschenkte.
Schon damit wurde die geheimnisvolle „Aura“ des Bernstein-Kunstwerks schnöde zum politischen Tauschobjekt „verfremdet“ und instrumentalisiert, später – 1941 – wurde es von Hitlers Okkupationstruppen wieder aus Rußland geraubt und nach Königsberg gebracht, wo es 1945 vor den anstürmenden Truppen der Roten Armee als Kriegsbeute in Sicherheit gebracht werden sollte. Allerdings verlieren sich nunmehr die Spuren – das Bernsteinzimmer wird nun endgültig zum Geheimnis: War es bei einem der Angriffe auf Königsberg verbrannt, beim fluchtartigen Schiffstransport in der Ostsee untergegangen oder ist es bis heute in einem geheimen Versteck?
Jedenfalls ist es nunmehr in das auratische Attribut eines Arkanum gehüllt, dem Wissen und der Sichtbarkeit entzogen – die wechselvolle „Wanderschaft“ endet (vorläufig) in der symbolischen Installation A. Meinharts. Die Raumkonstruktion mit drei undurchsichtigen Seitenwänden, an deren Stirnseite die diaphane, aber nicht völlig transparente Ordnung der schimmernden Kunstharzplatten mit einer Metallkonstruktion befestigt ist, lässt das Bernsteinzimmer in verkleinerten Maßen (scheinbar) neu entstehen. Das durch die bernsteinfarbenen Harzplatten von gelb über orange bis rotbraun schimmernde Licht erscheint als Versprechen, dass sich dahinter das Geheimnis des Bernsteinzimmers preisgeben könnte. Aber der Blick und das Sehen scheitern an der lichtbrechenden Schicht des gehärteten Harzes – die durchscheinende „Offenbarung“ des Mythos erfährt gerade in diesem opaken Schein eine Grenze.
Wer hinter das Geheimnis des Bernsteinzimmers – der Installation wie auch (vielleicht) des originären – kommen möchte, verfällt dem „Zwang“ und der Verführung schmaler Sehschlitze zwischen den Harzplatten und den Metallstreben. Diese – entstanden durch den Schwund des Aushärtungsprozesses – ermöglichen den (voyeuristischen) neugierigen Blick in das Innere des Raumes, aus dem das Licht von einem zwar luxuriösen, aber auch völlig profanen Kristall-Luster erstrahlt. Das Werk verweigert so die Lösung des Rätsels und lässt das Geheimnis des Bernsteinzimmers gerade in dieser Verweigerung einer Antwort weiter bestehen. Das Arkanum besteht nur, so lange es als Schein dieses Arkanums durch die Harzplatten hindurch „schimmert“ – nicht in dessen Preisgabe: So bleibt auch in der künstlerisch-symbolischen Evokation des Bernsteinzimmers die ursprüngliche magische Mystizität bewahrt.

Fotos in der Galerie

Text von Erwin Fiala
Lehrbeauftragter am Inst. f. Philosophie, Univ. Graz (Kultur- und Medienphilosophie)
Autor u. Lektor, Kunst-, Kultur- u. Wissenschaftsprojekte