Box: Reaching Suomi – 2010

Projektbeschreibung :

Der Weg, das gewohnte hinter sich lassen.

StempelAusgangspunkt für meine Überlegungen waren die Fotoarbeiten meines Vaters, die er im Krieg gemacht hatte. Sein Weg führte ihn in den Norden. Er war im 2. Weltkrieg als Gebirgsjäger in der 3. Gebirgs-Division in Norwegen, Finnland und im Raum Leningrad eingesetzt, wobei er mit seiner Kleinbildkamera Eindrücke festhielt. Schon als kleines Mädchen haben mich diese Fotos ungemein fasziniert. Für mich stellte sich immer die Frage, was seine Motivation war, mitten im Kriegsgeschehen zu fotografieren. Als junger Soldat wollte er vermutlich diese Stimmungen des Nordens, das Licht, seinen Lieben zu Hause zeigen.

boxEin Foto aus dieser Sammlung habe ich ausgewählt; es zeigt eine Landschaft in Mittelfinnland mit drei Flugzeugen. Eine Junker 52, eine Stucker und vermutlich Heinkel He 70, auch Blitz genannt. Die Aufnahme dürfte Anfang April 1942 entstanden sein.

Das Foto habe ich als Grundlage für meine Siebdruckarbeit verwendet. „LIEBE MUTTER“ war Teil eines Briefes meines Vaters an seine Mutter, welchen ich hineinmontiert habe.

Das Foto wurde in einer Auflage von 1000 Stück auf einem dünnen Seidentuch 28×28cm gedruckt.

600 Stück dieser Seidentücher habe ich auf meine Reise durch die baltischen Länder bis nach Finnland mitgenommen, um sie unterwegs zu verteilten oder sie in Form einer Installation zu präsentieren. Die Reaktionen wurden fotodokumentarisch festgehalten.

Aurelia Meinhart

Aus dem Krieg kommen wenige.

Aus dem Krieg kommen wenige. Die einen, die im Krieg geblieben sind, sind gefallen, die anderen sind dazu verdammt, immer daran zu denken, darüber zu sprechen, darüber zu träumen. Manche, die im Krieg geblieben sind und überlebt haben, schweigen darüber. Sie schweigen über sich, im Kriegsgeschehen sind sie sich und den anderen für immer verborgen geblieben.

Viele von denen, die den Krieg überlebt haben, beschreiben den Krieg als die letzte Zeit in ihrem Leben, in der sie noch am Leben waren. Es ist nicht leicht zu leben, und das meiste von einem ist schon tot.

Manche hängen am Leben, weil sie die Hoffnung nicht aufgegeben haben, ihr eigenes Leben würde aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehren. Sie glauben an Wunder. Wir wissen alle, wie oft Wunder passieren.

Die Kriegsbriefe an die Frauen und Mütter sind tapfere Briefe. Die Kriegsberichterstattung des Herzens ist anders als alles, was wir sonst kennen. Die Hoffnungslosen trösten, die Ängstlichen ermutigen, die Verwundeten verarzten. Da zeigt sich: Es steht uns nur eine Möglichkeit offen, nämlich die, in der Hinwendung heil zu werden.

Lebensgefahr und Todesangst sind Lebensgefährten, die man nicht mehr los wird. Man kann sie nicht abschütteln. Man kann sie übertünchen. Aber nach dem nächsten Regen ist alles abgewaschen, und man sieht sie wieder, glasklar und bedrohlich. Man kann sie übertünchen mit Alkohol, Arbeit, Ideologien, Verbrüderungen. Nichts hilft, was helfen sollte.

Schließlich ist die innere Starre nicht zu übersehen. Ein Leben zu leben mit einem lebendigen Körper und mit einer Psyche, die totenstarr ist, das zerreißt einen fast. Da genügt nicht viel und man holt nach, was man im Krieg vermeiden konnte.

Die anderen verstehen nichts, die Einsamkeit ist unerträglich. Nur bei den Kameraden gibt es ein stilles Einverständnis, das Bewusstsein des gemeinsamen Geheimnisses. Die Totenfeier des eigenen Lebens ist der Rest des Lebens, der noch geblieben ist, eine Verheißung des Vergangenen.

Aus dem Krieg kommen nur wenige.

Text: Michael Lehofer

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